Alberta in Kanada: die Schönheit der Leere in den Badlands

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D.Der Weg zu Barry Wagstaff geht geradeaus, immer geradeaus. Wir passieren trockene Felder, verlassene Bauernhöfe, rostige Autowracks durch Siedlungen, die kaum jemand kennt. Irgendwann nach einer Ewigkeit zweigt eine Schotterstraße in einen Weiler namens Sedalia ab. Dort leben nur 25 Menschen, es gibt ein Postamt, ein Geschäft, krumme Häuser und Scheunen.

Sedalia befindet sich östlich eines nicht markierten Ortes in der Prärie, wo sich die Autobahnen 886 und 314 treffen, irgendwo mitten im kanadischen Ödland auf halbem Weg zwischen den Städten Calgary und Saskatoon. Es sind fast 400 Kilometer in beide Richtungen, aber es fühlt sich immer noch an. Der Himmel scheint endlos und der Horizont will einfach nicht näher kommen.

Es ist die Heimat von Barry Wagstaff. Der Bauer sitzt auf einem Holzstuhl im Sedalia-Genossenschaftsladen beim Kaffee. Er kommt fast jeden Tag hierher, weil die Genossenschaft ein Geschäft, ein Baumarkt, ein Café und eine Kontaktbörse in einem ist. Er kauft hier und braucht in der Regel nicht, was nicht existiert. Hier trifft er Nachbarn, wenn es auf den Feldern von Sedalia weniger zu tun gibt.

Das passiert – und das nicht selten. „Letztes Jahr war ein echter Krampf. Wir hatten keinen einzigen guten Regen und das ganze Heu war weg “, knurrt Barry, der seit drei Generationen Mais und Getreide anbaut und auch ein paar Rinder hält. Es ist ein hartes Leben in einer der rauesten Gegenden Kanadas. Badlands ist der Name der Region im Südosten von Alberta, übersetzt: “Bad Country”.

Bizarre Canyons und endlose Felder in den Badlands

Der Name sagt schon alles: In weiten Teilen der Badlands ist das Wetter hart, die Ernten knapp und die Landflucht allgegenwärtig. Dies gilt insbesondere für die Sondergebiete, drei riesige Landkreise, einschließlich Sedalia. Seit einer Dürre- und Hungerkatastrophe vor fast 100 Jahren wurden diese Bezirke direkt von der Provinz verwaltet und mit Subventionen am Leben erhalten.

Die Sonderbereiche stehen für große Leere. In den drei hessischen Bezirken lebten einst über 25.000 Menschen. Heute sind fast 4.500 übrig. Selbst viele Kanadier wissen wenig über die abgelegene Region am Rand der Karte.

Die Ödländer in Alberta, Kanada

Quelle: WELT-Infografik

Bisher sind nur wenige Besucher in das Urgebiet mit seinen bizarren Schluchten, endlosen Feldern und bodenständigen Typen gekommen. Die meisten Reisenden schaffen es nach Drumheller, der größten Siedlung im Ödland mit 8.000 Einwohnern, die, wenn überhaupt, für ihre Dinosaurierfunde bekannt ist. Aber die meisten Reiseführer oder Blogs enden dort.

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Es gibt auch keine berühmten Postkarten- oder Instagram-Motive in den speziellen Bereichen, ebenso wie es keine überfüllten Touristenattraktionen mit Shuttlebussen oder Ticketschaltern gibt. Die besonderen Gebiete sind ideal für Entdecker und Abenteurer, die das Unbekannte und Überraschende abseits der touristischen Hotspots in einer Region suchen, die sich in den letzten 100 Jahren kaum verändert hat.

“Ab und zu kommen Besucher vorbei”, sagt Kathy Simpson, die dreimal pro Woche Briefe bei der Sedalia-Post entgegennimmt und nebenbei Bier für ein paar Dollar verkauft. Wie um es zu beweisen, holt Kathy ein Foto mit einem Außenmobil heraus, das sie kürzlich an einer Tankstelle entdeckt hat, und macht sofort ein Foto mit ihrem Handy. Nun, es ist das Wohnmobil des Autors.

Wie in Trance zum Horizont

Auf einer holprigen Landstraße setzen wir den Roadtrip durch die Sondergebiete der Badlands fort, immer geradeaus, wie in Trance, immer in Richtung Horizont. Pat Gilmer lebt in Consort, dem Ort mit der Tankstelle. Der Bauer und Hobbyhistoriker lebte einst einige Monate in der Großstadt, weil er gute Arbeit geleistet hatte, wie er sagte, als er begrüßt wurde. Das hat ihn krank gemacht, also ist er zurück.

Bauer Pat Gilmer steht vor seiner Scheune in den Neutral Hills (Alberta, Kanada)

Bauer Pat Gilmer steht vor seiner Scheune in den Neutral Hills

Quelle: Jörg Michel

Pat rast mit seinem Allrad-Truck über unbefestigte Straßen, über riesige Weiden und schaukelnde Ölpumpen. Letzteres ist in letzter Zeit zu einer Art Hoffnung für viele Landwirte geworden, die immer weniger vom alten Geschäft leben können. Auf einem Hügel hält Pat seinen Lastwagen an und zeigt auf eine hügelige Landschaft, in der einst Gletscher tiefe Furchen bildeten.

Die Neutral Hills sind bis zu 1000 Meter hoch und erstrecken sich über etwa 100 Kilometer über die Prärie. Die Abendsonne wirft ein goldenes Licht auf die sanften Hügel, die wie Wellen aus Gras und Büschen aussehen. Grillen zwitschern, der Himmel flackert. Große Einsamkeit und raue Schönheit, soweit das Auge reicht.

Es ist kaum vorstellbar, dass in dieser kargen Gegend Tausende von Indigenen, Bauern und Cowboys einst Vieh jagten, pflegten – und große Feste feierten. “Bis zu 15.000 Menschen kamen im letzten Jahrhundert mit dem Auto, der Kutsche oder dem Pferd zu den Zusammenfassungen”, sagt Pat, der lokale Historiker. Damals tanzten, tranken und konkurrierten die Leute tagelang. Es gab Wagenrennen, Pferdeshows, Rodeos.

Cowboys und Cowgirls treten beim Rodeo gegeneinander an

Rodeos gehören in den besonderen Bereichen noch zum Alltag. Eine gerade Straße an der Grenze zur Provinz Saskatchewan führt nach Buffalo, einer Stadt am Red Deer River, die laut der letzten Volkszählung keine Einwohner hat. Telegrafenmasten säumen die Landstraße, es gibt einige Campingplätze auf Schotter. Wer parkt normalerweise hier? Heute ist der Ort leer.

Ein Landrodeo ist nur wenige Kilometer entfernt, ein Highlight für die Region. Lastwagen, Wohnwagen und Pferdeanhänger stehen auf einer provisorisch eingezäunten Wiese. 250 Teilnehmer kamen und ebenso viele Zuschauer. Das Buffalo Rodeo ist keine Show für Touristen, sondern das einzig Wahre. Hier kämpfen Cowboys und Cowgirls in ihrer Freizeit um kleine Preisgelder.

Wenn das Wohnmobil auf die Baustelle fährt, werden die Besucher fast wie Außerirdische angesehen, und die Aktion der Einheimischen geht weiter. In den nächsten Stunden steht Barrel Racing auf dem Programm, eine von insgesamt 16 Disziplinen. Die Wettkämpfer auf Pferden müssen einen mit Tonnen markierten Kurs absolvieren, ohne die Tonnen umzuwerfen. Die Atmosphäre ist großartig, das Tempo ist atemberaubend.

Außerdem werden Country-Sounds aus Lautsprechern, Hamburgern und Pfannkuchen auf einem Grill gebrutzelt. Eine Reiterin mit einer riesigen Gürtelschnalle kommt vorbei und stellt sich ohne Aufforderung vor. Lynn Constantinescu ist Ende 50 und hat den Wettbewerb letztes Jahr gewonnen.

“Altenheim? Nein, besser, ich sterbe auf dem Rodeo-Platz”, ruft sie. Als ob sie es beweisen wollte, springt Lynn plötzlich auf ihr Pferd, das sie den Namen “Gunsmoke” gegeben hat.

Ihre Muskeln sind angespannt, ihre Haltung ist geduckt. Mit Karacho eilt sie in die Arena. Lynn ist geschickt und super schnell im Sattel, aber ihr Pferd streift eine Tonne an der Wende. Das war’s, der Titel ist weg.

Kaiserin ist fast ein Geisterdorf

In den besonderen Bereichen ist viel schwierig, auf dem Rodeo wie im wirklichen Leben. Nichts hier ist poliert oder angenehm, nicht einmal für Besucher. Aber alles ist echt.

Wie das gespenstische Dorf Empress, das direkt an der Grenze zur Provinz Saskatchewan liegt. “Hub of the West” steht auf dem Eingangsschild, aber das mit der Wild West-Kreuzung muss schon lange her sein.

Die Hauptstraße der Kaiserin scheint verlassen zu sein, viele Geschäfte sind mit Brettern bedeckt, die Fassadenfarben blättern ab, die Glühbirnen in den verrosteten Straßenlaternen sind kaputt.

Am Ende der Hauptstraße befindet sich eine verrostete Zapfsäule, die einzige Tankstelle im Umkreis von 50 Kilometern. Im ehemaligen Bankgebäude des Dorfes wurde eine kleine Kunstgalerie mit Café eingerichtet.

“Ich verdiene hier kein Geld, aber hey, ich brauche hier kaum Geld”, sagt Nakomis, die mit ihrem Geschäft in der Region seit zwanzig Jahren eine seltene Aussage macht. Als einzige Dienstleisterin hat sie mehrere Jobs: Künstlerin, Vermieterin, Verkäuferin, Bankangestellte, Tankwartin, informelle Bürgermeisterin, Vorschlagsbox für rund 130 Einwohner.

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Quelle: FlickrVision / Ken Yuel

Nakomis ist einer der Ojibwa und erzählt von den alten Zeiten, als Büffel durch die Prärien um die Kaiserin streiften und indigene Lager die Landschaft prägten. Dank der legendären transkanadischen Eisenbahn wurde die Kaiserin später eine Boomtown und ein Umschlagplatz für Waren und Menschen. Seit die Gleise im Dorf stillgelegt wurden, ist der Glanz vorbei.

Getreidespeicher prägten die Prärie in Kanada optisch

Die Nachbarstadt Acadia Valley ist ebenfalls eng mit der Geschichte der Eisenbahn verwoben, aber das Dorf mit 150 Einwohnern wurde aus dem Netz genommen. Was bleibt, ist ein hoch aufragender Getreidespeicher aus Holz, in dem die Bauern einst ihre Ernte gelagert haben.

Geschäfte wie dieses dominieren seit langem die kanadischen Prärien und gehören zu den Wahrzeichen des Landes. Heute sind sie selten geworden.

Freiwillige haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Lagerhaus im Acadia Valley als Museum zu erhalten. Der Rentner Ron Ibach ist einer von ihnen. Vor 30 Jahren fuhr er selbst Ernten in das Silo: Weizen, Gerste, Raps, Hafer, Erbsen.

Heute führt er die Besucher in eine mechanische Ära, von der viele Menschen vor langer Zeit weggerannt sind. Ron dreht ein riesiges Lenkrad mit Schwung.

Auf diese Weise wurde einst der Mechanismus in Gang gesetzt, mit dem das Getreide mit einem Förderband in den Turm des Lagers gehoben und von dort in Schienengüterwagen gefüllt wurde. Der Riemen läuft noch wie neu, die Container sind schon lange leer. Ron winkt zum Abschied.

Es geht weiter durch die grandiose Leere zu den Cypress Hills, einem wilden Stück Mittelgebirge in der Prärie unweit der US-Grenze. In den 1870er Jahren, nach seiner siegreichen Schlacht am Little Big Horn, war der legendäre Chef Sitting Bull über die Grenze geflohen, um sich an der US-Armee zu rächen.

Sitting Bull hatte in diesen unzugänglichen Wäldern der Cypress Hills Schutz gefunden, bevor er sich einige Jahre später ergab. Ein Aussichtspunkt auf fast 1500 Metern bietet einen Panoramablick auf die Prärie. Ein Land, in dem die Ödländer geblieben sind, was sie immer waren: grandios, riesig und fast menschenleer.

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Quelle: Jörg Michel

Tipps und Informationen für Alberta

Dahin kommen: Normalerweise nonstop mit Lufthansa oder Air Canada von Frankfurt / Main in etwas mehr als neuneinhalb Stunden nach Calgary. Von dort sind es je nach Route 350 bis 400 Kilometer bis zu den Sondergebieten der Badlands im Süden von Alberta, Route über travelspecialareas.com. Empfohlen: ein Zwischenstopp in der Dinosaurierstadt Drumheller mit dem Royal Tyrrell Museum of Palaeontology (tyrrellmuseum.com).

Lager: Gute Campingplätze (ab 25 USD Parkplatz mit Strom) finden Sie derzeit in den folgenden Parks in der Provinz Alberta: Dry Island Buffalo Jump Provincial Park (in der Nähe von Trochu), Gooseberry Lake (in der Nähe von Consort) oder Cypress Hills (in der Nähe von Elkwater) nur tagsüber für Picknicks geöffnet, albertaparks.ca; Camping Marshall Field im Acadia Valley, offener Sommer, mdacadia.ab.ca; zweiwöchige Reisemobiltour ab 439 Euro pro Person von / nach Calgary mit Versicherung durch den Süden von Alberta bei Canusa Touristik, canusa.de

Sehenswert: Das Prairie Elevator Museum im Acadia Valley ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. im Juli und August freier Eintritt, 202 Railway Avenue E, Acadia Valley, mdacadia.ab.ca/our-services/visitors/see/

Einkaufen: Im Weiler Empress verkauft der Gift Shop Empressive Souvenirs, Lebensmittel, Snacks und Benzin sowie Internetzugang, einen Geldautomaten und einfache Stellplätze für Wohnmobile, 309 Center Street, Empress, villageofempress.com. Sedalia Co-Op Cooperative Shop, täglich außer sonntags geöffnet, 104 Main Street, Sedalia

Weitere Informationen: Es gibt Reisetipps unter travelspecialareas.com und travelalberta.com/de/

Die Teilnahme an der Reise wurde von Travel Alberta und Canusa Touristik unterstützt. Unsere Standards für Transparenz und journalistische Unabhängigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit.

Dieser Text stammt aus dem WELT AM SONNTAG. Gerne liefern wir sie regelmäßig zu Ihnen nach Hause.

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Quelle: WELT AM SONNTAG

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