Coronavirus: Europa reagiert auf Italiens Hilferufe – Politik

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Die EU fand es zunächst schwierig, auf Hilferufe aus Italien zu reagieren. Die Italiener selbst befürchten eine anhaltende, insbesondere wirtschaftliche Krise. Aber die Unterstützung kommt jetzt aus vielen Ecken.

Einige der Schlagzeilen in italienischen Zeitungen scheinen historische Sätze zu sein: “La brutta Europa”, schreibt La Repubblica nach dem europäischen Gipfel auf seiner ersten Seite: Hässliches Europa. Und wenn die römische Zeitung die Solidarität in der Union so beurteilt, muss man befürchten: Die Stimmung schwankt gefährlich. Die Italiener fühlen sich in Not allein gelassen.

Des Corriere della Sera erklärt, dass Angela Merkel das tut, was sie am besten kann, nämlich “Merkeln”. Gemeint ist die unvergleichliche Kunst des Kanzlers, Entscheidungen zu verzögern. Merkel schaltete nicht einmal ihre Webcam für die Videokonferenz ein. “Die mächtigste Frau in Europa hat sich unsichtbar gemacht.” So sieht es die Mailänder Zeitung. Sie ist wahrscheinlich falsch für Merkel: Sie befindet sich derzeit zu Hause in Quarantäne. Aber fühlen ist fühlen.

Der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte erlebt einen heiklen Moment. Obwohl es beliebt ist, werden sein Krisenmanagement, die Sperrung der Bürger und die Schließung der Wirtschaft von fast allen geteilt. Aber bald sind drei Wochen vergangen und die Zahlen sind immer noch verheerend: Die Regierung meldete am Freitagabend mehr als je zuvor 969 Todesfälle durch Korona und 4401 Neuinfektionen. Um die Italiener zu motivieren, sind Gewissheiten für die Zukunft erforderlich. Es besteht große Sorge, dass es nach der Viruskrise zu einer noch größeren Wirtschaftskrise kommen wird.

Conte weist darauf hin, dass Rom kürzlich das Defizit in Schach gehalten hat und dass diese Krise keine italienische war und daher auch Solidarität von allen erforderte. Wenn nun einige europäische Partner im Weg stehen, hilft dies vor allem der anti-europäischen Propaganda der italienischen Opposition: insbesondere Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega. Um Salvini war es sehr ruhig geworden, jetzt hat er ein anderes Thema.

Die Beschwerde über das Zögern Europas hat einen weiteren Grund. Mario Draghi, der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank, gilt bereits als “Premierminister der nationalen Einheit”, wenn Corona fertig sein wird und die Wirtschaft umstrukturiert werden muss. Draghi wird von vielen als der beste Mann angesehen, er wurde nach 2008 mit seinem Motto in der Finanzkrise bekannt: “Was auch immer es braucht”, was auch immer notwendig ist. Jetzt legte er sie in die Financial Times neu für diese “Tragödie von möglicherweise biblischem Ausmaß”. In Italien wurde der Artikel wie eine Empfehlung im eigenen Namen gelesen.

Aber auch wenn die Bundeskanzlerin und die EU in Italien kritisiert werden, ist Brüssel keineswegs untätig. Zum Beispiel versucht die EU-Kommission, durch die Bündelung von Aufträgen aus Mitgliedstaaten zur Beschaffung medizinischer Geräte beizutragen, um effektiver auf dem Weltmarkt auftreten zu können. Anscheinend mit Erfolg: Seit Dienstag ist bekannt, dass die bestellten Masken, Handschuhe, Schutzbrillen und Gesichtsschutz geliefert werden können, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dass dies “gute Nachrichten” seien. Die EU-Kommission erstellt auch einen eigenen Bestand an diesem Material, aus dem die Mitgliedstaaten geliefert werden können.

Darüber hinaus werden in Brüssel die Wettbewerbs- und Haushaltsregeln gelockert, Gelder aus dem EU-Haushalt umgeleitet und Rückflüge für EU-Bürger mitorganisiert. Auf die Frage, ob Italiens Vorwürfe, die EU würde das Land hängen lassen, antwortete der Sprecher der EU-Kommission am Freitag, dass derzeit niemand wisse, was der richtige Ausweg aus der Krise sei. Es ist normal, dass Mitgliedstaaten und EU-Institutionen dafür kämpfen: “Das macht die EU zu dem, was sie tut, wie sie Krisen löst, wie sie fortschreitet.”

Thüringen schickt Ärzte nach Süden, die Tschechische Republik bietet Schutzanzüge an

Solidarität ist jedoch nicht nur eine Frage der EU. Die Europäer zeigen ihre Stärke auf vielen Ebenen, einzelne Staaten, Regionen, Unternehmen helfen sich gegenseitig, sie wollen Italienern, Spaniern und Franzosen insbesondere über ihre eigenen Grenzen hinaus helfen. Beispiel Deutschland: Mehrere Bundesländer haben bereits italienische Corona-Betroffene aufgenommen. Es gibt ein Versprechen, Dutzende anderer Patienten auf der Intensivstation zu versorgen. “Wir stehen mit unseren Freunden”, twitterte das Bundesaußenministerium und versah den Tweet mit Italiens Flagge.

Es gibt auch zahlreiche Hilfsprojekte, hier aus einem Bundesland, dort aus Unternehmen. Thüringen zum Beispiel schickt Mitarbeiter der Universitätsklinik Jena nach Italien, um sich um die Patienten zu kümmern. Das in Lübeck ansässige Unternehmen Drägerwerk, das nach eigenen Angaben international führend in der Medizin- und Sicherheitstechnik ist, gab auf Nachfrage der SZ bekannt, dass es allein in der vergangenen Woche mit Hilfe der Bundeswehr mehr als 100 Beatmungsgeräte nach Italien geflogen habe.

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Die Tschechische Republik engagiert sich auch in Italien und Spanien. Es wurden 10.000 Schutzanzüge für medizinisches Personal angeboten. “Das können wir uns im Moment leisten und sie brauchen sie dringend”, sagte der tschechische Innenminister Jan Hamáček.

Frankreich half auch Italien: Bevor das Land selbst vollständig von der Pandemie betroffen war, hatte es italienische Patienten in Nizza und Marseille aufgenommen. Die Franzosen spendeten den Nachbarn außerdem 200.000 Schutzanzüge und eine Million Schutzmasken für Ärzte und Krankenschwestern – obwohl es in ihren eigenen Krankenhäusern einen akuten Mangel an Masken gibt. Frankreich selbst erhält auch Nachbarschaftshilfe. Die deutschen Bundesländer nehmen Dutzende französischer Patienten aus dem Elsass auf. Und die Schweiz und Luxemburg entlasten die französischen Intensivstationen. Europäische Solidarität gibt es.

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