Mit diesen Apps bekämpft die Welt den Corona-Virus – digital

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Wenn es um die besten Strategien zur Bekämpfung des Koronavirus geht, wird Südkorea häufig erwähnt. Das Land hat den Anstieg der Infektionszahlen mit relativ wenigen Todesfällen gezähmt – alles ohne strikte Sperrung. Einer der wichtigsten Erfolgsgründe ist die Früherkennung: Bis zu 15.000 Tests werden täglich durchgeführt, auch bei Patienten ohne Symptome. Dieses Programm funktioniert, weil die Gesellschaft in Südkorea wie keine andere digitalisiert ist. Und weil sich die Bürger an staatlicher Überwachung beteiligen, was in anderen demokratischen Ländern als Verletzung der Privatsphäre interpretiert würde.

Kreditkarten- und Mobiltelefondaten helfen dabei, Personen zu finden, die Kontakt zu infizierten Personen hatten. Nirgendwo auf der Welt wird so viel bargeldlos bezahlt, und die Bewegungen der Kreditkarteninhaber werden aufgezeichnet. Die Mobiltelefondichte ist ebenfalls beispiellos. Dank 860.000 4G- oder 5G-Funkmasten zeigt jedes Mobiltelefon fast rund um die Uhr den Aufenthaltsort des Besitzers an. Es gibt auch eine hohe Dichte an Überwachungskameras in Südkorea, jede Person wird mehrmals täglich im öffentlichen Raum gefilmt.

Dies bedeutet, dass die Gesundheitsbehörden nicht nur Kontaktpersonen für infizierte Personen finden können. Sie können auch verfolgen, wer wen möglicherweise infiziert hat und wie weit verbreitet der Virus tatsächlich ist. Auf den Websites lokaler Verwaltungen oder per App kann jeder sehen, wo die letzten Infektionen aufgetreten sind. Es ist gut für alle, die wissen wollen, wo es besser ist, in Zeiten der Pandemie nicht zu gehen.

Südkoreas schöne neue Welt hingegen ist für Datenschutzaktivisten eher ein Albtraum: Bewegungsprofile, angereichert mit Bildern von Überwachungskameras und Informationen zum Verbraucherverhalten – an Glasbürgern fehlt nicht viel. Einige Länder gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie wollen nicht nur wissen, wo sich das Smartphone eines Bürgers befindet, sondern auch, was darauf gespeichert ist.

In Israel überwacht der heimische Geheimdienst die Handys der Bürger

In der Hightech-Nation Israel beispielsweise hat die von Benjamin Netanjahu geführte Übergangsregierung mittels einer Notstandsverordnung die Überwachung der Bürger anhand von Mobiltelefondaten in die Hände des heimischen Geheimdienstes gelegt und nicht einmal das Parlament einbezogen zu Beginn. Die Schin Bet kann nun Technologien einsetzen, die bisher nur im Kampf gegen den Terrorismus erlaubt waren. Jeder positive Koronatest löst bei der Schin-Wette eine Reihe von Datenabfragen aus: Mit wem ist der Patient seit zwei Wochen in Kontakt und wie lange? Wohin reiste die Person?

Zusätzlich zu den GPS-Daten werden 14 Smartphone-Sensoren ausgewertet, die Bewegungen, Beschleunigungen oder Lichtverhältnisse messen, z. B. welches WiFi-Netzwerk oder Gerät mit Bluetooth in der Nähe war. Dies gibt dem Geheimdienst tiefe Einblicke in die Privatsphäre aller in Israel lebenden Personen – weit über Standortanfragen auf Smartphones hinaus. “Man kann wirklich in den Inhalt, die sozialen Netzwerke der Person und in ihre E-Mails einsteigen”, sagt der Cybersicherheitsspezialist Isaac Ben-Israel im israelischen Armeeradio.

Die Tatsache, dass der Geheimdienst die Ergebnisse für andere Zwecke mit vorhandenen Daten vergleicht oder diese nach Kriegsende nicht wieder löscht – diese Bedenken sind die Hauptanliegen der Datenschutzbeauftragten. Bisher hält die Mehrheit der Bevölkerung die Überwachung für richtig. Schließlich können Personen, die infizierten Personen zu nahe gekommen sind, automatisch eine Textnachricht erhalten, in der sie zur Quarantäne aufgefordert werden.

1,6 der 6,5 Millionen Smartphone-Besitzer in Israel nutzen bereits die hebräische App “HaMagen” für “The Shield”. Durch den Vergleich der Mobiltelefondaten wird den Benutzern angezeigt, ob sie sich in der Nähe eines Verdachtsfalls befanden. Verteidigungsminister Naftali Bennett will nun ein System aufbauen, das die Bewegungen infizierter Menschen in Echtzeit überwacht – unter Beteiligung umstrittener Dienstleister für Spionagesoftware wie NSO. Bisher hat das Justizministerium ein Veto eingelegt, dass Bürgerdaten nicht privaten Unternehmen überlassen werden dürfen. Bennett hingegen sagt: “Wir befinden uns im Krieg. Ich möchte nicht auf ein Werkzeug verzichten, das den israelischen Bürgern helfen könnte.”

“Die Menschen müssen ihre Zustimmung geben”, sagt EU-Datenschutzbeauftragter Jourová

In der Europäischen Union mit ihren vergleichsweise strengen Datenschutzrichtlinien wären solche umfangreichen Maßnahmen undenkbar. “Auch in solch einer Ausnahmesituation müssen die Grundsätze des Datenschutzes eingehalten werden”, sagte EU-Kommissarin Věra Jourová.

Die Allgemeine Datenschutzverordnung enthält strenge Regeln, insbesondere für Anwendungen, in denen die persönlichen Daten des Benutzers gespeichert werden. Laut Jourová sollten solche Apps daher mindestens zwei Bedingungen erfüllen: “Erstens müssen die Menschen informiert werden und ihre Zustimmung geben. Zweitens dürfen die Daten nur für eine kurze, eindeutig begrenzte Zeit gespeichert werden.”

Die EU-Kommission prüft derzeit, ob es möglich wäre, mit den Mitgliedern gemeinsame Standards für Anträge zu vereinbaren. Dann könnten die Anträge möglicherweise Teil einer koordinierten Ausstiegsstrategie zur Lockerung von Beschränkungen sein, so die Kommission.

Dafür wäre es hilfreich, wenn die Apps aus Nachbarländern miteinander kommunizieren könnten – damit beispielsweise ein Grenzgänger nicht “verloren” geht, wenn er seine Arbeit im Nachbarland erledigt. Die Bundesregierung drängt darauf, europaweit nur eine App zu nutzen, sagte Sprecher Steffen Seibert am Montag. Das Schlimmste wäre, wenn viele verschiedene verwendet würden.

Österreich erwägt obligatorische Tracking-Apps

Die in Europa bereits verwendeten Apps waren bisher vergleichsweise zurückhaltend: Die Tschechische Republik hat beispielsweise mit ihrem Projekt “FreMen contra Covid” eine Anwendung entwickelt, die “nichts vorschreibt, nichts verbietet, niemanden verfolgt und nicht sammelt” alle personenbezogenen Daten “, so die Entwickler der Technischen Universität in Prag. Das Programm möchte Menschenmassen verhindern, indem Prognosen auf der Grundlage von Bewegungsdaten erstellt werden – und empfiehlt beispielsweise, später einkaufen zu gehen.

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Die Slowakei geht noch einen halben Schritt weiter: Die App “Bleib gesund” verfolgt den Aufenthaltsort der Benutzer, jedoch anonym: Anstelle von Namen oder Telefonnummern werden Benutzer mit einem Code gespeichert, und jeder, der sich dem Infizierten aus 50 Metern Entfernung nähert, erhält eine Warnung Mobiltelefon. Gleichzeitig kann die App überwachen, ob sich infizierte Personen in der Quarantäne befinden. Die Regierung hat sich erlaubt, dies mit Handy-Tracking mit ihrer “Lex Korona” zu überprüfen.

Die Anwendungen dieser Apps waren bisher freiwillig. Als ein einflussreicher Politiker der regierenden Volkspartei in Österreich anzeigte, er könne sich eine obligatorische App als Begleitmaßnahme zur Lockerung der Ausreisebeschränkungen vorstellen, war die Kritik heftig.

Jeder, der eine SMS erhält, muss ein Selfie senden

Bisher hat nur Polen diesen Schritt gewagt: Die App “Kwarantanna Domowa” (Hausquarantäne) ist dort seit dem 19. März im Einsatz, da die Polizei die Kontrollen nicht mehr offline durchführen kann und 300.000 Menschen unter Quarantäne stehen . Wenn Sie sie auf Ihr Telefon herunterladen, erhalten Sie zu unterschiedlichen Zeiten eine SMS. Der Benutzer hat dann 20 Minuten Zeit, um ein Foto aufzunehmen und zu senden.

Die Polizei sollte in der Lage sein, anhand der GPS-Daten des Telefons festzustellen, ob sich die Person in ihrer Wohnung befindet. Die Nutzung der App war nur freiwillig und seit dem 1. April obligatorisch. Nur scheint es theoretisch besser zu funktionieren als in der Praxis: Tausende Benutzer melden Störungen.

Auch wegen der technischen Schwierigkeiten erwägt Polen, bald auf eine europaweite Lösung umzusteigen: 130 europäische Wissenschaftler und IT-Experten entwickeln derzeit Basissoftware für Corona-Apps, die auch den Datenaustausch zwischen Staaten und den Datenschutz ermöglichen soll. Es trägt den sperrigen Titel “Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing”, kurz Pepp-PT. Die Idee hinter der Initiative ist dagegen einfach: “Wir brauchen keine weitere App, wir brauchen einen einheitlichen Rahmen”, sagt der IT-Unternehmer Chris Boos, der das Projekt koordiniert.

Das europäische Projekt Pepp-PT konzentriert sich auf Freiwilligkeit und Anonymität

Die Plattform ist ein Software-Framework, auf dem App-Entwickler aufbauen können. Das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Heinrich-Hertz-Institut (HHI) sind an der deutschen Umsetzung beteiligt. Die App basiert auf der Bluetooth-Funktechnologie und sollte völlig anonym funktionieren. Jedes Handy, auf dem die Software läuft, erhält eine zufällige Identifikationsnummer, die sich regelmäßig ändert. Andere Geräte, die sich für einen bestimmten Zeitraum in einem kritischen Bereich von weniger als zwei Metern befinden, werden lokal gespeichert und verschlüsselt – jedoch nur die pseudonyme Identität, die keine Rückschlüsse auf den Benutzer zulässt.

Nach einer positiven Diagnose überträgt der Patient die Liste der IDs an einen zentralen Server. Anschließend werden die Kontaktpersonen per Push-Nachricht zum Testen aufgefordert. Persönliche Informationen, Standortdaten oder andere Funktionen, die es ermöglichen, infizierte Personen oder deren Kontakte zu identifizieren, werden niemals gespeichert. Der Bundesdatenschutzbeauftragte und das Bundesamt für Informationssicherheit sind an der Entwicklung beteiligt. Und: Niemand ist gezwungen, die App zu installieren.

Die große Herausforderung ergibt sich aus der Freiwilligkeit: Die Wissenschaftler hoffen, dass 60 Prozent der Bevölkerung die App nutzen werden – in Deutschland wären das 50 Millionen Menschen. Insbesondere ältere Menschen, die besonders gefährdet sind, haben oft kein Smartphone. Aus diesem Grund denken die Forscher daran, Bluetooth-Armbänder oder andere tragbare Geräte zu vertreiben. Die Pepp-PT-Plattform sollte später in dieser Woche fertig sein. Die App für deutsche Nutzer soll nach Ostern erscheinen.

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